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DIE FRUEHEN TRAUMATHEORIEN

Dieses Kapitel wird in den folgenden Tagen noch erweitert ins Web gestellt und mit dieser Seite verlinkt werden.

Die Trennung von traumatischer Situation und dem Schmerzerleben – die Dissoziation – war bekannt und anerkannt. Der Begriff und die detailierten Untersuchungen gehen auf Pierre Janet (1904) zurück, der wie Sigmund Freud an der Salpêtrière bei Charcot die Hysterie und die Hypnose studierten. Freud übersetzte die Poliklinischen Vorträge des „Napoleons der Neurosen (Fischer-Homberger, 1999, S. 272)“ in das Deutsche und war voller Begeisterung für den Meister.

Charcot betrachtete die dissoziative Wirkungen z.B. eines Eisenbahnunfalls mit Lähmungserschei­nungen etc., als wenn sich eine Art von Parasit im geschwächten Gehirn des Patienten festsetze und seine pathogenen Wirkung entfalten kann.

Er nennt diesen Vorgang die Idiogenie (ebda), etwas das als absolut psychogen angesehen wird und damit als Verursacher einer hysterischen Erscheinung gewertet werden kann.

Es wird das Jahr 1886 geschrieben. Im Grunde baut Sándor Ferenczi (1904) darauf auf und wird diese Gedanken – die heute noch Gültigkeit haben – verfeinern. Die Geschichte der Psychoanalyse im Kontext des Traumas braucht demnach ein eigenes Kapitel.

 

Der Krieg als Forschungskatalysator

Die beiden Weltkriege forderten eine Auseinandersetzung mit den Leiden der Kriegsversehrten; eine soziopolitische Bedeutung des Traumas forcierte eine fachliche Auseinandersetzung mit der Thematik und in zweiter Linie mit den Menschen selbst. So sollten die „männlichen Hysterikerinnen“ (vgl. Lennertz, 2006, S. 86) möglichst bald wieder im Krieg einsetzbar gewesen sein. Diese Kriegstrauma­tisierten zeigten ähnliche Symptome wie die HysterikerInnen – deren Erforschung war lediglich nicht so lohnend.

Durch die Erfahrungen in den Schützengräben und Minenfeldern des ersten Weltkrieges wurden die Soldaten vieler Nationen schwer traumatisiert. Die Begriffe shell shock (Minenexplosionen) des briti­schen Psychologen Myers (1940) und der Physioneurose des amerikanischen Psychiaters Abram Kardiner (1941) waren von den Erfahrungen des Kriegstraumas geprägt. Letzterer Begriff ist heute quasi noch gültig, wenn gegenwärtig bei den modernen Zugangsweisen die neuronale Verarbeitungs­weise in den Vordergrund des Verstehens genommen wird.

Kardiner arbeitete mit den Kriegstraumatisierten unter Hypnose; doch die Traumaexposition war unzureichend. Erst das nachfolgende Durcharbeiten wirkte sich günstig aus (vgl. Sachsse, 2009, S. 13 ff). Durch die talking-cure, die Kardiner bei Freud in den Jahren 1921/22 in Wien machte, konnte er die hypnotische Herangehensweise an das Trauma ankoppeln. Eine Kombination, die auch heute den modernen Konzepten gemeinsam ist.

Die Freud’sche Psychoan-alyse wurde in den damaligen Rehabili-tationszentren in England und Schott­land eingesetzt. Als Gegenpol zu dieser Bewegung waren die Aversionsverfahren hoch im Kurs. Wenn Rivers sich mit dem Unbewussten der Soldaten auseinandersetzte und über mehrere Monate mit ihnen arbeiten konnte, um eine Gesundung zu erreichen, dann brauchte sein Gegenspieler Yealland nur einige wenige Sitzungen, um seine Patienten mit Hilfe von Elektroden und Stromstößen wieder fronttauglich zu machen (ebda).

Die Kombination aus Psychoanalyse und Hypnose vertraten einige Zeitgenossen; Simmel – ein Berliner Mediziner – hielt am V. psychoanalytischen Kongress (1918) einen Vortrag über die Integration beider Methoden zugunsten der traumathera-peutischen Behandlung (Simmel ist für die deutsche Geschichte der Psychoanalyse von Bedeutung[1], weshalb er hier erwähnt sei).

Mit Kriegsende war das Thema des Traumas karenziert und wurde kaum weiter verfolgt; nicht zuletzt aus dem Beweggrund heraus, dass Mediziner die Rentenansprüche der Kriegsneurotiker gutachterlich in Frage zu stellen hatten.

Angesichts dieses wirtschaftlich dominanten Faktors wurden die traumatisierten Soldaten jetzt zu Menschen, denen eine Fülle von Pathologien im stigmatisierenden Sinne angedichtet wurden; vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Argumentation, dass es keinen Zusammenhang zwischen psychischen Folgen und äußeren Geschehnissen geben kann. graz psychotherapeutin

Ab 1926 wurden alle Zahlungen per Entscheid des Reichsversicherungsamtes an die Kriegszitterer und Traumatisierten eingestellt (ebda).


[1] Gründet das erste deutsche psychoanalytische Behandlungszentrum in Berlin, das Sanatorium Schloss Tegel

 

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