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Psychoanalyse-und die Geschichte des Traumas

Ein Ereignis ist kein Trauma,
ein Ereignis war auch kein Trauma,
ein Ereignis wird ein Trauma gewesen sein.
Ruhs, 2006, S. 28

Trauma ist einer der Ursprungsbegriffe der PA, nicht aber einer ihrer zentralen Grundbegriffe (Ruhs S. 24, 2006).

Im Grunde entwickelte Freud zwei Traumatheorien. Die frühe Auffassung kennt äußere Ereignisse, die zu traumatischen (hysterischen) Reaktionen führen können; ab 1905 wird das Geschehen nach innen verlegt, wenn Triebimpulse, Triebwünsche und die Nachträglichkeit das Traumaverständnis im Patienten verortet wurden.

Doch zurück zum Beginn: Bekanntlich hat sich Freud mit Breuer an Charcot orientiert. Damit liegt die frühe Biographie der PatientInnen im Fokus der Forscher; mehr als die jüngere Vergangenheit. Die Auseinandersetzung Freuds mit dem Trauma bleibt in den Theorienentwicklungsversuchen immer wieder unbefriedigend; er nimmt den Begriff wiederholt auf und überarbeitet ihn.

Fischer & Riedesser (S. 38) attestieren Freud eine sehr konsequente Arbeitsmethodik in der Unter­suchung traumatischer Prozesse nach sexuellem Missbrauchs mit seinem zeitlichen Verlaufsmodell von Situation, Reaktion und Prozess.

Die Verführungstheorie

Begonnen werden will mit einer Klarstellung der beiden Autoren (2009, S. 40), die besser nicht formuliert werden kann; für ein wertschätzendes Arbeiten mit dem Thema des Traumas im Kontext der Psychoanalyse scheint sie unumgänglich:

 „Freud vorzuhalten, er habe den Kindesmissbrauch bagatellisiert oder womöglich noch gerechtfertigt, weil er das sexuelle Eigenleben des Kindes zu Gegenstand der psychoanalytischen Forschung machte, entspricht jener kognitiven Konfusion, die oft ein Ausdruck der grenzlabilen Missbrauchsdynamik ist und zusammen mit den übrigen traumatogenen Faktoren wie Verrat, Stigmatisierung und Misshandlung, leider oft auch die wissenschaftliche Diskussion bei traumatologischen Tabuthemen, bestimmt bzw. ersetzt (S. 40).“

Die frühe Epoche der Freud’schen Psychoanalyse legt jedem hysterischen Symptom eine frühe sexuelle Verführung zugrunde. Wenngleich sich Freud später in seinen psychosexuellen Ausformulierungen – Triebwünsche, kindlich sexuelle Phantasien, etc. – weiter präzisiert, hält er doch noch an der Verführungstheorie fest. Ganz fallengelassen hat die Psychoanalyse diese Annahme des Vaters der PA bis heute noch nicht ganz.

Freud greift in den Studien zur Hysterie (1895) die traumatische Neurose auf und weist der Wirksamkeit des Traumas einen „Ort zu, der implizit das Unbewusste bedeutet (ebda)“. Neu bei diesem Zugang sind der Ort der Wirksamkeit und die Unmöglichkeit, das Erlebte (das Trauma) nicht abreagieren zu können, das dergestalt in im Psychischen liegen bleibt.

Dass die Abreaktion nicht gegeben ist kann mehrere Ursachen haben, wie die Überwältigung des Das Ereignisses an sich oder die Umstände (innerpsychisch, sozial etc.) verunmöglichen eine notwendige Abreaktion des Erlebens, das damit liegen bleibt und sich in Form eines Symptoms eine unbewusst gesteuerte Weise bemerkbar macht.

Nicht alle Psychoanalytiker folgen diesem Modell der „psychischen Realität (vgl. Lennertz, S: 83)“, das die wechselseitige Beeinflussung von Phantasie und traumatischen Prozessen meint. Ferenczi wird dem Modell nicht folgen und seinen Ansatz der Wirksamkeit äußerer Faktoren auf die Entstehung von Traumata und Neurosen weiterverfolgen. Die moderne Traumaforschung greift heute noch auf seine Grundannahmen zurück.

Nachträglichkeit

Gegen Ende des Jahrhunderts kommt die Nachträglichkeit ins Spiel – die einfache Kausallogik von Ursache und Wirkung erfüllt den Forscher nicht (vgl. Hirsch, 2011, S.19): Nicht das reale Erlebnis allein, sondern die assoziativ gewichte Erinnerung an frühere Erlebnisse verursacht die Krankheit, die abgewehrte Abkömmlinge unbewusst wirkender Erinnerungen (ebda)“ sind.

Mit der Nachträglichkeit wird aber wieder die psychische Prädisposition aufgenommen. Freud stellt fest, dass ein „Verführungserlebnis“ in der Kindheit nicht als traumatisch empfunden werden muss. Durch ein späteres Erlebnis – auch das muss nicht traumatisch sein – kann dieses erste reaktiviert werden. In Verbindung mit dem ursprünglichen Erlebnis respektive dessen Wiedererinnern aus einer späteren Perspektive (neue Werthaltungen etc.), wird das Erlebte zu einem traumatischen.

Freud zieht das Modell der Nachträglichkeit auch für die Kriegsneurosen heran. Diese wurde als ein Konflikt innerhalb des Ichs gesehen; die „normale“ Neurose ein Konflikt zwischen Ich und der Libido (vgl. Lennertz). Erinnern als eine Neuinterpretation der eigenen Geschichte, die mit jeder Interpretation über die Zeit zu einer anderen wird. Umgekehrt kann gesagt werden, dass Menschen, die eine Psycho-Analyse respektive eine lange reflexive Auseinandersetzung (Psychotherapieausbildung, Psychotherapie) mit der eigenen Person erleben, ihre Geschichte verändern. Sie wird ihnen neu zugänglich und somit anders. (vgl. Lucien Israel).

Der Reizschutz – die Psychoökonomie

Die bereits oben angedeutete notwendige Auseinandersetzung mit den Kriegsneurosen wurde durch den ersten Weltkrieg wieder vakant; zumal das Theoriengebäude Freuds schon recht gewachsen war.

Freud reüssiert, dass der mangelnde Reizschutz zu ökonomischen Störungen Anlass geben wird, die den traumatischen Neurosen gleichzustellen sind (vgl. Freud, 1920, Kap V). und weiter: „Es wäre dann die Aufgabe der höheren Schichten des seelischen Apparates, die im Primärvorgang[1] anlangende Erre­gung der Triebe zu binden. Das Missglücken dieser Bindung würde eine der traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen“. Eben diese Art von Ökonomiegedanken wurde auch von Seiten der Neuropsychologie wieder aufgenommen und weiterentwickelt.

Hervorzuheben ist die im gleichen Kapitel von Freud fortgesetzte Hypothese des Wiederholungszwan­ges, der Wiederholung von Situationen – der offenen Gestalt – wie sie die spätere Gestalttherapie bezeichnet (Perls) und von Zeigarnik empirisch verifiziert wird. „Diese Reaktualisierung soll nach Freud dazu führen, die übermäßige Erregung abzureagieren oder psychisch zu binden, damit schließlich das Lustprinzip wieder in Kraft treten kann (vgl. Bohleber, 2008).

Angst

In „Hemmung, Symptom, Angst“ von 1926 gelingt Freud eine verbesserte weil differenziertere Ausar­beitung seiner bisherigen Überlegungen zum Trauma, wenn er der traumatischen Angst (automatische Angst) die Signalangst gegenüber stellt; diese hat die Aufgabe, einer etwaigen Bedrohung durch vor­heriges Erkennen zu entkommen bzw. den Organismus darauf einzustellen. Dem Trauma fehlt die innere mögliche Vorausnahme. „Es“ bricht herein. Hirsch meint, dass Freud mit dieser Ausweitung dem Realen mehr Anteil am Trauma eingeräumt hat.

Angst bleibt bei Freud nicht nur Triebangst; bezogen auf interpsychische Aspekte eines Beziehungsge­schehens denkt er Trennungs- und Verlustängste an. Entscheidend für die Ausprägung bzw. die Initian­den für ein Trauma sind zum einen das Maß an Ich-Stärke, zum Anderen Ich-Funktionen (die ange­sprochene Antizipation, Realitätseinschätzung, …..)

Dieser Ich-psychologische Ansatz wurde von einigen amerikanischen Autoren weiter ausgearbeitet.

Letztendlich sind die entwickelten Zugänge mehrdimensional ausgerichtet und beziehen die biolo­gischen und psychologischen Determinanten, die Umwelt, das Entwicklungsstadium (in dem eine oder die längere überdauernde Traumatisierung eintritt), die Reaktion der Umwelt auf die Situation bzw. der Umgang mit ihr, ein.

Objektbeziehungstheorie

Es beginnt die Geschichte der Psychoanalyse mit den auch heute noch gegenwärtig diskutierten The­menfelder und der Praxis der Psychoanalyse zu verschwimmen; nichts desto trotz kann die Objektbe­ziehungstheorie nicht unerwähnt bleiben.

Namen wie Melanie Klein als Grundsteinlegerin der britischen Schule der Psychoanalyse, Bion, Spitz, Mahler, Winnicott etc. seien genannt. Im vorliegenden Kontext scheint die Erwähnung Ferenczis an dieser Stelle geeignet, wenn Hirsch (2002, S: 101 ff) feststellt, dass Ferenczi mit seiner frühen Konzeption um die Objektbeziehungen bzw. deren Verinnerlichung, zu den frühen Objektbeziehungs­theoretikern zu zählen sei.

Immerhin hält er einen Skandal- und Aufsehen erregenden Vortrag in Wiesbaden, am Kongress 1932, der das Täter-Opfer Verhältnis und die bis dahin gültige Überlegung zur Triebtheorie im Kontext des Traumas neu beleuchtet. Ihm geht es nicht mehr um die Triebe wie bei Freud, sondern nur mehr um die Objektbeziehungen und deren Verinnerlichung.

Das Thema des frühen Reizschutzes und der schützenden Dyade von Mutter (Elternteil) und Kind wird uns abseits der Geschichte noch beschäftigen.

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Ferenczi Sandor (1933): Sprachverwirrungen zwischen dem Erwachsenen und dem Kind